Globale Perspektive (2018-11)

​​​​​​​Çanakkale kann nicht passiert werden und die Menschheit stirbt nicht

Globale Perspektive (2018-11)

Eine Bewertung von Prof. Dr. Kudret BÜLBÜL, dem Dekan der Fakultät für Politikwissenschaften an der Yıldırım Beyazıt Universität zu Ankara.

Es gibt wichtige Ereignisse in den Geschichten der Länder, die das Schicksal des jeweiligen Landes bestimmen. Diese können sogar die Weltgeschichte verändern. Der Krieg an den Dardanellen, dessen 103.Jahr wir begehen, ist eines dieser Ereignisse. Einige dieser Ziele dieses Kriegs waren durch Besatzung von Istanbul, den osmanischen Staat zu entmachten und über das Meer das Zarenreich Russland zu versorgen. Für diesen Zweck zogen die aus Großbritannien, Frankreich, Australien, Kanada, Neuseeland bestehenden Entente-Mächte mit mehreren hundert Tausend Soldaten an den Dardanellen zusammen.  Um das Meer zu überqueren, haben sie mit aller Macht angegriffen. Da sie dabei scheiterten wollten sie nun über Land die Verteidigung durchbrechen. Doch gegenüber ihnen stand trotz technischer Unterlegenheit mit ihrem Glauben kämpfende osmanische Armee.

Der Krieg begann im Februar 1915 und endete im Dezember des gleichen Jahres. Der Krieg hinterließ, hunderttausende Tote, Verluste, Gefangene und Verletzte. Zudem verursachte er vielleicht auch eines der größten Leiden der Geschichte. Es wurden danach sehr viele Klagelieder geschrieben. Weil in den vorherigen Kriegen sehr viele Soldaten gefallen waren, wurden in diesem Krieg mehr Jugendliche rekrutiert. Daher ist er auch als „Krieg der 15er“ bekannt. Für diese Jugendlichen wurde auch das Lied „Hey Onbeşli“ verfasst. Im besagten Jahr nahmen an dem Krieg sehr viele Jugendliche aus verschiedenen Gymnasien des Landes teil. Das in der Ära von Sultan Abdülhamit eröffnete Konya-Gymnasium hatte an diesem Jahr keine Absolventen, weil die Schüler der letzten Klasse in den Krieg zogen. 

Der Nationaldichter Mehmet Akif Ersoy beschreibt in seinem Gedicht den Krieg und die Helden wie folgt:

Alte Welt, Neue Welt und die ganze Menschheit

Sie brodeln in Massen wie Sand und Flut

Die ganze Welt steht vor Dir

Doch Du schaust gemeinsam mit Australien: Kanada!

Andere Gesichter, Sprachen und Häute

Es gibt nur einen Fall: Die Massaker sind gleich

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Hey Soldat, der für diese Territorien starb  
Wenn Deine saubere Stirn die auferstehenden Ahnen küssen würden, wäre es gebührlich 
Wie groß Du bist, Dein Blut rettet die Tawhid..
Nur die Helden aus dem Bedir Krieg waren so ruhmreich 

Wenn es auch keine offiziellen Zahlen zum Krieg gibt, wird davon ausgegangen, dass die osmanische Armee 250 Tausend Gefallene zu beklagen hatte. Diese Gefallenen waren gebildete Menschen, die die Gymnasien, Koranschulen besuchten oder studierten. Dass so viele gebildete Menschen fielen, verursachte später sehr viele Probleme. Die Märtyrer der osmanischen Armee stammen aus verschiedenen Ländern. Neben den Städten der heutigen Türkei, nahmen auch sehr viele Menschen aus dem Balkan, Nahost oder Kaukasus an dem Krieg teil. Viele dieser Menschen wurden zu Märtyrern.  Ich möchte ihnen erzählen, was ich vom Onkel Ilyas aus dem Kosovo hörte. Auch aus seinem Dorf nahmen mehrere Soldaten an dem Krieg teil. Doch beim Krieg fallen alle außer drei Soldaten. Als diese drei Soldaten in ihre Dörfer zurückkehren, wissen sie nicht, was sie den Menschen im Dorf sagen sollen. Denn es gibt Mütter, Väter, Frauen, Kinder der Gefallenen, die mit Sehnsucht auf sie warten. Sie wollen nicht, dass sie all die Hoffnungen dieser Menschen zunichtemachen, wenn sie gemeinsam ins Dorf gehen. Daher beschließen sie, nach und nach zu gehen. Als der erste Veteran das Dorf betritt, fragen alle Dorfbewohner wo die anderen sind. Der Soldat sagt, die werden kommen, sie werden kommen. Nach einer Woche kommt auch der andere Soldat ins Dorf. Auch er gibt den mit Sehnsucht wartenden Menschen die gleiche Antwort. Der  letzte Veteran macht das Gleiche. Somit führen sie die Menschen im Dorf, dem tragischen Ende langsam zu. Eigentlich ist der Krieg an den Dardanellen der Wiederstand unterdrückter Völker gegen den Imperialismus in den Reihen der osmanischen Armee.

Trotz technischer Überlegenheit konnten die imperialistischen Mächte den Widerstand dieser unterdrückten Völker nicht durchbrechen.

Beim Krieg an den Dardanellen und beim späteren Befreiungskampf haben die Muslime aus den südostasiatischen Ländern, wie Indien und Afghanistan nicht vor Hilfe gescheut. In diesem Sinne ist das Epos von Çanakkale für die Menschheit das Symbol der Hoffnung. Gegenwärtig sind die globalen Mächte in mehreren Geographien in gleicher Weise aktiv. Çanakkale ist eine der lehrreichsten Ereignisse der jüngsten Geschichte, dass die imperialistischen Mächte keine Chance haben, wenn alle unterdrückten Völker gemeinsamen Widerstand leisten. Es ist der Ausdruck dafür, dass gegen die Politik „Divide et impera“ nur gemeinsam Widerstand geleistet werden kann. Natürlich ist es von Wert sich gegen jedweden imperialistischen Angriff zu wehren. Jedoch ist die Art und Weise wichtig, wie man sich zu Wehr setzt. Wir sehen leider, dass beim Widerstand gegen die imperialistischen Angriffe, der Hass geschürt wird. Es ist schwer, dass die Menschen die Besatzer nicht hassen und auch nicht diesen Diskurs nutzen. Aus diesem Aspekt betrachtet sind der Krieg an den Dardanellen und die Entwicklungen danach für uns wie ein Guide. Da in der Geschichte von Ländern wie Australien und Neuseeland nicht so viele Kriege gibt, haben sie den Krieg an den Dardanellen als die Schaffung einer Nation betrachtet. Doch wir sind ein Volk, das von keinem Sieg oder von  keiner Niederlage in seiner Geschichte das Andere produziert. Wir sind eines der wenigen Völker, die auf der ganzen Welt nicht das Andere braucht, um ein Volk sein zu können. Trotz der 250 Tausend Märtyrer und des vielen Leides und der Verluste, die wir zu beklagen haben, haben wir von Çanakkale nicht das Andere produziert.

Unsere Blickweise in solchen Fällen sowie die der unserer Geschichte und Zivilisation legen die Worte von Atatürk, die er für die Anzacs sagte, dar: „Die aus fernen Ländern ihre Söhne in den Krieg schickenden Mütter, wischt eure Tränen. Eure Kinder sind in unseren Herzen. Sie werden in Ruhe schlafen. Sie sind, nachdem sie auf unseren Territorien ihr Leben verloren haben, auch unsere Kinder.“

Gegen imperialistische Mächte Hass zu schüren, würde uns noch mehr abkapseln. Ja, es ist sehr schwer. Doch wie sehr wir uns gegen diese Angriffe mit den Werten unserer Zivilisation ausstatteten, in dem Maβe wird unsere Hoffnung für die Menschheit steigen. Wenn auch die imperialistischen Angriffe kurzfristig erfolgreich zu sein scheinen, wird, wenn wir uns nicht abkapseln, die Menschheit nicht sterben und der Gräuel nicht ewig bestehen bleiben. Auf Interessen gerichteten kolonialen Bemühungen werden eh oder jäh verlieren.

 



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